ESC-Geschichte Österreichs: Udo Jürgens, Conchita, JJ – und dazwischen eine lange Durststrecke

COSMÓ (über Corinne Cumming/EBU)
COSMÓ (über Corinne Cumming/EBU)

Kein Land beim Eurovision Song Contest hat eine wechselhaftere Geschichte als Österreich. Drei Siege, acht letzte Plätze, viermal null Punkte, jahrelange Nicht-Teilnahmen – und dann wieder Momente, die Europa erschüttert haben. Zum dritten Mal Gastgeber des Wettbewerbs, blickt Wien auf fast sieben Jahrzehnte ESC-Geschichte zurück, die so unberechenbar ist wie kaum eine andere.

1957: Ein schlechter Start

Österreichs erste Teilnahme datiert aus dem Jahr 1957 in Frankfurt am Main. Bob Martin trat mit „Wohin, kleines Pony?“ an – und landete prompt auf dem letzten Platz. Es sollte nicht der letzte letzte Platz bleiben. Österreich hatte sich den ESC nicht leicht gemacht – und der ESC machte es Österreich nicht leicht.

1966: Udo Jürgens und der erste Triumph

Udo Jürgens hatte 1966 bereits zwei Teilnahmen beim Eurovision Song Contest (1964 und 1965) und eine formidable Karriere als Songschreiber unter anderem für Shirley Bassey und Frank Sinatra vorzuweisen – und musste zu seiner dritten Teilnahme regelrecht überredet werden.

Mit „Merci, Chérie“ lieferte er eine Performance ab, die so weit weg von heutigem Pyro-Wahnsinn war wie man es sich nur vorstellen kann: Nur ein Mann, ein schwarzer Flügel und eine unfassbare Aura. Am 5. März 1966 gewann er in Luxemburg – und wurde damit endgültig zum Weltstar. „Merci, Chérie“ zählt heute zu den meistverkauften Singles in Deutschland.

Laut dem damals geltenden Reglement fand der nächstjährige Wettbewerb im Siegerland statt – der ESC kam also erstmals nach Österreich. 1967 richtete Wien den ESC im Großen Festsaal der Hofburg aus. Die Kronen Zeitung schrieb damals über Udos Sieg in einem kleinen Artikel im Lokalteil: Es sei kein besonders rühmlicher Sieg gewesen, denn seine internationale Konkurrenz habe nur mit schwachen Talenten und noch schwächeren Songs aufgewartet. Die Geschichte hat dieses Urteil revidiert.

Die langen Jahrzehnte dazwischen

Was folgte, war eine lange Durststrecke mit gelegentlichen Lichtblicken. Die Band „Milestones“ erreichte 1972 mit „Falter im Wind“ Platz fünf, ebenso Waterloo & Robinson 1976 mit „My Little World“ und Thomas Forstner 1989 mit „Nur ein Lied“. Viermal erhielt Österreich null Punkte im Finale: 1962, 1988, 1991 und – besonders bitter – 2015, ein Jahr nach dem größten Triumph der Landesgeschichte.

Österreich hält dabei den Rekord für die längste Zeitspanne zwischen zwei aufeinanderfolgenden Siegen eines Landes: 48 Jahre, von 1966 bis 2014. Zwischendurch gab es auch Nicht-Teilnahmen – zwischen 1969 und 2009 verzichtete das Land neun Mal auf eine Teilnahme, 1998 und 2001 musste Österreich aufgrund der damaligen Regeln pausieren.

Für Aufsehen sorgte 2003 der Kabarettist Alf Poier, der mit „Weil der Mensch zählt“ auf Platz sechs landete – ein selbstironischer Beitrag, der Österreich zumindest kurzfristig wieder ins Gespräch brachte.

2014: Conchita Wurst erschüttert Europa

Fast 50 Jahre nach Udo Jürgens passierte in Kopenhagen etwas, das weit über die Grenzen eines Musikwettbewerbs hinausging. Conchita Wurst betrat als Phönix aus der Asche die Bühne und löste eine Lawine aus, mit der das konservative Österreich so nicht gerechnet hatte.

Conchita Wurst zog nicht nur mit goldenem Kleid, Bart und langen Haaren die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich, sondern auch mit einer außergewöhnlichen Stimme. In der ORF-Moderation hieß es dazu: „Das ist unglaublich. Jetzt hat sie uns den Schas gewonnen.“ Ein Satz, der österreichische Selbstironie und echte Überraschung in einem destilliert.

Was folgte, war mehr als ein Musiksieg: Conchita Wurst wurde zum globalen Symbol für Toleranz und Selbstbestimmung. Wien setzte gleichgeschlechtliche Ampelpaare auf, die bis heute im Stadtbild stehen. 2015 richtete Wien den ESC aus – und stellte dabei erstmals ein dreiköpfiges, rein weibliches Moderationsteam auf die Bühne. Die Ernüchterung folgte prompt: The Makemakes erhielten im Jahr darauf für den Song „I Am Yours“ keinen Feuerlöscher, sondern null Punkte.

2018: Cesár Sampson – fast der dritte Sieg

2018 vertrat Cesár Sampson Österreich mit „Nobody But You“ – er gewann am Ende in Lissabon das Jury-Voting und erreichte in Kombination mit dem Televoting den dritten Platz. Mit 342 Punkten stellte er damals eine neue Höchstpunktzahl für Österreich auf – bis JJ sie 2025 deutlich übertraf.

2025: JJ und der dritte Sieg in Basel

Im letzten Jahr durfte sich Countertenor JJ freuen: Sein zusammen mit Teodora Špirić und Thomas Thurner geschriebenes Lied „Wasted Love“ gewann den ESC 2025 in Basel. Mit 436 Punkten holte JJ den dritten österreichischen Sieg in der ESC-Geschichte.

Auch JJ hatte seinen Weg über die österreichische Castingshow Starmania genommen – eine Tradition, die sich durch mehrere österreichische ESC-Beiträge zieht: Eric Papilaya 2007, Nadine Beiler 2011, Conchita Wurst 2014, Teya & Salena 2023 und JJ 2025 kamen alle über Starmania.

2026: COSMÓ und das Heimspiel

Zum dritten Mal richtet Wien den ESC aus – nach 1967 und 2015. Und so sitzt man jedes Jahr wieder da, ein wenig skeptisch, ein wenig hoffnungsvoll, ein wenig COSMÓ, ein wenig „Tanzschein“. Österreich tritt mit COSMÓ außer Konkurrenz im zweiten Halbfinale auf – ins Finale ist das Gastgeberland automatisch qualifiziert. Die Buchmacher sehen COSMÓ als Favoriten auf den letzten Platz.

Das ist österreichisch. Das ist ESC. Das passt zusammen.

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