2.300 HIV-Neuinfektionen in Deutschland – Dating-Apps verstärken das Risiko

Schwule Männer (über KoolShooters)
Schwule Männer (über KoolShooters)

Deutschland meldet steigende HIV-Zahlen – und ein Blick in schwule Dating-Apps zeigt einen Trend, der Gesundheitsexperten beunruhigt: Ungeschützter Sex wird in Profilen auf Plattformen wie „Grindr“ und „Romeo“ zunehmend offen gesucht und beworben. Für Städte wie Frankfurt am Main (Top 1), Nürnberg (Top 9) und Fürth (Top 6), die laut Informationen unserer Redaktion zu den am stärksten betroffenen deutschen Städten zählen, ist das ein ernstes Signal.

Die Zahlen: Anstieg bundesweit

Im Jahr 2024 haben sich nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts rund 2.300 Personen in Deutschland mit HIV infiziert – etwa 200 mehr als im Jahr 2023. Bei Männern, die Sex mit Männern haben, stieg die Zahl der geschätzten Neuinfektionen von 1.200 im Jahr 2023 auf etwa 1.300 im Jahr 2024. Ende 2024 lebten rund 97.700 Menschen mit HIV in Deutschland – etwa 8.200 davon wussten nichts von ihrer Infektion.

Regional zeigt sich das Problem konkret: Bundesweit haben sich 2023 circa 2.200 Personen mit HIV neu infiziert, davon 280 in Bayern und 45 in Nürnberg.

Apps als Risikoverstärker

Was auf den Plattformen passiert, ist kaum zu übersehen. Auf Dating-Apps wie Romeo, Grindr und Scruff stehen Begriffe wie PnP (Party and Play), slammen und chems-friendly immer öfter in den Profilen sexsuchender Männer. Informanten aus der schwulen Community berichten unserer Redaktion übereinstimmend, dass der offene Wunsch nach kondomlosem Sex auf diesen Plattformen deutlich zugenommen hat – teils als Präferenz, teils als eine Art Fetisch, der offen kommuniziert wird.

Auf Grindr will kaum jemand mehr Kondome benutzen, beschreibt ein Betroffener den Zeitgeist. Hintergrund ist auch die wachsende Verbreitung der PrEP – einer Präventionspille, die HIV-negative Menschen vor einer Ansteckung schützt, aber nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten. Das Sicherheitsgefühl durch PrEP führt bei einem Teil der Nutzer dazu, Kondome komplett wegzulassen.

Chemsex als zusätzlicher Risikofaktor

Eng verknüpft mit dem Kondomverzicht ist das Phänomen Chemsex. Unter Chemsex wird der Sexualverkehr unter dem Einfluss von synthetischen Drogen verstanden – verwendet werden häufig Substanzen wie GHB/GBL, Mephedron, Ketamin und Crystal Meth. Das Phänomen ist weltweit in der Schwulenszene verbreitet. Oft wird der Sex dabei ohne Kondom praktiziert. Steigende Infektionsraten bei HIV wurden mit schwulen Chemsex-Partys in Verbindung gebracht.

Eine weitere wichtige Ursache für den Anstieg der Neuinfektionen, vor allem bei Männern, die Sex mit Männern haben, war die grundlegende Veränderung sexueller Netzwerke durch die zunehmende Verbreitung von Smartphones und Dating-Apps.

Spätdiagnosen als unterschätztes Problem

32 Prozent aller neuen HIV-Diagnosen wurden 2024 erst mit einem fortgeschrittenen Immundefekt diagnostiziert, 18 Prozent sogar erst im Vollbild AIDS. Das bedeutet: Viele Infizierte wissen lange nichts von ihrer Infektion – und können das Virus unwissentlich weitergeben.

Was Betroffene tun können

Die AIDS-Hilfe-Einrichtungen in Deutschland bieten regelmäßige anonyme und kostenlose HIV- und STI-Tests an. Die Gesundheitsämter ermöglichen ebenfalls anonyme Testungen. PrEP ist auf Rezept verschreibungsfähig und schützt zuverlässig vor HIV – erfordert aber regelmäßige ärztliche Kontrollen alle drei Monate.

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